Nahe Feinde

Du schreibst ein Buch. Es ist dein drittes. Während du an dem Manuskript arbeitest, wirst du immer wieder auf dein Projekt angesprochen. Was macht dein Buch? Wann wird es erscheinen?

Das Buch erscheint. Und dieselben Leute, die vorher Interesse und Anteilnahme demonstriert haben, stellen plötzlich ganz andere Fragen. Wieviel tausend Stück sind denn schon verkauft? Auf welcher Bestsellerliste finde ich dein Buch? Und, was noch schlimmer ist: dröhnendes Schweigen.

Du hast dreieinhalb Jahre an dem Buch gearbeitet, und sie haben keine dreieinhalb Minuten Zeit übrig, um sich mit deinem Text auseinanderzusetzen. Aber sie haben eine Meinung. Sie fällen ein Urteil.

Ein neues Buch ist für die Autorin oder den Autor wie ein Baby. Man stelle sich vor, eine Frau bekommt ihr drittes Kind. Das kleine Mädchen lernt gerade zu krabbeln, und die „Freundinnen“ der Mutter – die meisten sind kinderlos – erwähnen mit keinem Wort die wachen Augen der Kleinen. Oder die lustigen Laute, die sie von sich gibt. Sie haben das Kind – so wie seine beiden älteren Geschwister – überhaupt noch nicht gesehen. Aber sie stellen Fragen. Kann es schon laufen? An welchem Gymnasium wird es Abitur machen?

Jack Kornfield erklärt uns, womit wir es hier zu tun haben. Er nennt es „nahe Feinde“*):

  • Der nahe Feind des Gleichmuts ist Indifferenz oder Gefühllosigkeit.
  • Der nahe Feind des Mitgefühls ist das Mitleid.
  • Nahe Feinde der Mitfreude sind Eifersucht und Konkurrenzverhalten.

Ein Buch ist wie ein Baby. Und es ist ein Freundschafts-Lackmustest. Plötzlich erkennst du, wer auf deiner Seite ist. Wer sich für deine Projekte interessiert. Wer es gut mit dir meint, auch wenn er mit dir nicht immer einer Meinung ist.

 

*) Jack Kornfield: Erleuchtung finden in einer lauten Welt. Buddhas Botschaft für den Westen; Arkana, 2013

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Einfach sitzen

Während meines Sommerurlaubs stieß ich in einer Buchhandlung auf ein Büchlein von Thich Nhat Hanh: „Einfach sitzen“ (O. W. Barth, 2016).

522px-Thich_Nhat_Hanh_12_(cropped)Der Autor ist neben dem Dalai Lama einer der angesehensten buddhistischen Lehrer. Er hat in den Vereinigten Staaten studiert und gelehrt, und er hat sich seit dem Vietnamkrieg in den Sechzigerjahren weltweit für Frieden und Gewaltlosigkeit eingesetzt. Dabei ist er in seinem Herzen immer der schlichte Mönch aus Vietnam geblieben, der er schon mit sechzehn Jahren war.

In „Einfach sitzen“ gibt Thich Nhat Hanh uns in lockerer Folge Hinweise zu Achtsamkeitsübungen, die ebenso unkompliziert wie wirksam sind. Seine Kernthese: Du kannst jederzeit und überall die Balance von Körper, Geist und Seele finden, und zwar innerhalb von wenigen Sekunden – indem du dir dein Atmen bewusst machst. Nicht nur im Sitzen, auch in der Bewegung. Ich habe es gestern bei meinem Abendspaziergang ausprobiert. Es geht sehr gut. Und es tut gut.

Foto: Wikimedia

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Das zweite YouTube-Video …

… von meiner Autorenlesung in Bad Neuenahr zeigt das Herzstück der Veranstaltung: Nesthocker, Traumtänzer, Abitur-Fetischisten.

 

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Es gibt keinen Vorspann, keine Begrüßung, es geht sofort los …

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Das deutsche Abitur ist tot, aber keiner will’s hören oder lesen.

Ein Nachruf

 

In dem folgenden Satz stimmt alles bis auf das Wort „obwohl“:

Es steht nicht gut um die Bildung in Deutschland – und das
obwohl immer mehr Schüler Abitur machen.

Statt „obwohl“ müsste es „weil“ heißen.

 

Der Satz ist der allererste in einem Artikel zur letzten Ausgabe des NDR-Fernsehmagazins „Kulturjournal“. Dreh- und Angelpunkt im Artikel wie auch in der Sendung ist das Ergebnis einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung:

75 Prozent der Abiturienten sind für ein Studium ungeeignet.

Für mich ist das der Totenschein für das deutsche Abitur.

 

In dem Artikel bringt die Journalistin Maryam Bonakdar den Germanistik-Professor Gerhard Wolf ins Spiel:

Die Studie, die Wolf mitverfasst hat, zeigt: Es fehlt an Wissen und Kompetenz. Seine Erklärung: Von der Grundschule bis zur Uni habe sich schleichend eine Kultur des Durchwinkens etabliert. Früher sortierten Schulen nach Leistung aus. Heute solle jeder mitgenommen werden – egal wie gut er ist (…) mehr Bildung heiße in dem Zusammenhang: möglichst viele Abiturienten.

Am Ende des Artikels wird Helge Pepperling von der Lehrergewerkschaft Hamburg zitiert:

Doch warum wehrt sich niemand gegen das Billig-Abitur?

„Alle sind zufrieden“, meint Helge Pepperling. „Die Politik freut sich, dass sie schöne Zahlen veröffentlichen kann, die Eltern freuen sich, weil ihre Kinder super Schulabschlüsse machen, die Schüler freuen sich, weil sie ganz tolle Ergebnisse haben und die Lehrer freuen sich, weil man sie lobt.“

 

Jetzt dämmert’s mir allmählich: Mein neues Buch „Zu viel Schule, zu dumm fürs Leben“ wird möglicherweise kein Bestseller. Abiturwahn … infantile Einser-Abiturienten, die Probleme mit dem Lesen, Schreiben und Rechnen haben … wer will so etwas lesen oder hören?

Aber gemach. Im Laufe der Jahre habe ich mich vom Sprinter zum Langstreckenläufer entwickelt. Ich habe noch Kraft zum Kämpfen.

Und ich finde fast täglich neue Verbündete – Menschen, die nicht nur lesen und hören wollen. Sie wollen Schule und Bildung in Deutschland besser machen.

 

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Jetzt auf YouTube: Zu viel Schule – Autorenlesung & Song

Am vergangenen Montag fand die zweite Autorenlesung zu meinem neuen Buch statt – im Dorint Parkhotel Bad Neuenahr. Am Ende der Veranstaltung habe ich mich ein wenig verkleidet und zur Gitarre gegriffen … Weltpremiere des „Songs zum Buch“ ;-).

Auf YouTube gibt es jetzt einen 15-minütigen Livemitschnitt:



 

Viel Vergnügen!

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Mein neues Buch: „Zu viel Schule, zu dumm fürs Leben – Bildung in den Zeiten des Abiturwahns“

Heute erschienen, als Hardcover und als E-Book. Viel Spaß beim Lesen.

Leseproben, Informationen zu den Autorenlesungen etc. findet man unter www.zuvielschule.de.

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Der Finanzminister als Märchentante: Bildung, Steuern, Vermögen − alles fair und gerecht in Deutschland …

… und am Ende seiner Legende: Union und SPD sind Volksparteien. LoL.

 

Wolfgang Schäuble ist ein begnadeter Geschichten-Erzähler. Im Rahmen eines heute veröffentlichten Interviews der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sagt er:

Die jungen Leute haben es doch heute leichter! Schon weil das Bildungssystem viel besser ausgebaut ist.

Wovon redet der Mann? Von unseren Einser-Abiturienten, die Probleme mit dem Lesen, Schreiben und Rechnen haben? Die, weil keiner sie einstellen will, Kunstgeschichte studieren und anschließend Rikscha-Fahrer werden?

Des weiteren fabuliert der christliche Minister am Tag der Arbeit über Steuergerechtigkeit und die Kluft zwischen Arm und Reich. Er meint: „Wir sollten nicht kurzatmig jeder Ungleichheitsdebatte hinterherlaufen.“ Allen Mühseligen und Beladenen verkündet er die frohe Botschaft: In Deutschland geht es im Großen und Ganzen fair und gerecht zu. Am Ende des Interviews spricht er von der „Stärke der Volksparteien“. Gemeint sind offensichtlich CDU/CSU und SPD.

***

Und jetzt ein wenig praktische Mathematik. Fänden am heutigen Sonntag Bundestagswahlen statt, sähe das Ergebnis laut aktuellen Meinungsumfragen so aus:

CDU/CSU: ca. 20%,  ca. 13 Mio. Wähler
SPD: ca. 12%, ca. 8 Mio.
AfD: ca. 6%, ca. 4 Mio.

Wieso nur zwanzig Prozent für die Union und zwölf für die SPD? Ganz einfach, ich spreche hier vom Anteil der Wahlberechtigten (!), nicht vom Prozentsatz derer, die zur Wahl gehen.

Der Anteil der Nichtwähler und Unentschlossenen ist in den letzten sechs Jahren von knapp 18% auf mehr als 40% gestiegen. Es ist die neue und einzige Volkspartei in Deutschland. Nur, dass die Chefs unserer „Großen“ Koalition es noch nicht gemerkt haben.

Von 64,4 Mio. Wahlberechtigten haben circa 26 Millionen − mehr als die Summe aller jetzigen Unions- und SPD-Anhänger − ein Riesenproblem mit dem Berliner Establishment. Sie haben schlicht die Schnauze voll. 26 Millionen, fast die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung – das können nicht nur Hartz-IV-Empfänger, Linksradikale oder Neonazis sein.

Angenommen, bei der nächsten Bundestagswahl sind diese 26 Millionen Menschen nicht mehr alle unentschlossen und die Hälfte davon macht ihr Kreuzchen bei der AfD, dann hat diese Anti-Establishment-Bewegung plötzlich nicht geschätzte 4, sondern reale 17 Millionen Anhänger; denn nun ist Wahltag, nicht Umfrage-Tag. Die AfD würde so zur stärksten Partei. Sie hätte mehr Wähler überzeugt als die Union und doppelt so viele wie die SPD. Bitte aufwachen, Herr Schäuble, Frau Merkel, Herr Gabriel. Die Märchenstunde ist zu Ende, jetzt wird (ab)gerechnet.

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Tödliche Langeweile

Karfreitag 2016. Vor etwa 2000 Jahren starb in Jerusalem ein Rabbi und gelernter Tischler namens Jesus. Auf dem Kreuz, an welches man ihn schlug, stand auf einem Schild: „König der Juden“. Es gab ein paar Leute, die meinten, es müsse heißen: „Der, der sich für den König der Juden hielt.“ Aber Pontius Pilatus, von dem das Schild stammte, sagte: „Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.“ Man kann die Meinung vertreten, dieser Tod am Kreuz war völlig sinnlos. Aber mehr als zwei Milliarden Christen sehen das anders. Heute, 2000 Jahre später.

Der Tod lauert auf uns in allen Ecken – so hat es Montaigne in seinen Essais formuliert. Die christliche Inquisition hat der Menschheit Scheiterhaufen und jegliche Art von Folter beschert – vor ein paar hundert Jahren. Der Islamische Staat und andere Derivate des Dschihadismus drangsalieren uns mit Terroranschlägen, Enthauptungen und Massenvergewaltigungen – heute. Aber es gibt mehr als eineinhalb Milliarden friedliebende, liebenswürdige Muslime. Einige von ihnen kenne ich, Allah sei Dank.

New York, Madrid, Paris, Brüssel – Wut und Rachegefühle bringen uns nicht weiter. Auch nicht das unaufhörliche Hochkochen von Tagesnachrichten, rund um die Uhr. Jedes Jahr sterben fast neun Millionen Menschen an Hunger. Wer berichtet darüber? Ungefähr sechs Millionen Menschen fielen dem Holocaust zum Opfer. Wen interessiert das heute noch?

In den Essais von Montaigne findet man außer dem obigen Zitat noch ein wenig mehr über Tod und Vergänglichkeit:

Es ist ungewiss, wo uns der Tod erwartet; erwarten wir ihn also allenthalben! Sinnen auf den Tod ist sinnen auf Freiheit. Wer sterben gelernt hat, versteht das Dienen nicht mehr.

Ich möchte kein Diener sein. Vor allem nicht der Diener von Knallköpfen, die nichts lernen wollen. Die meinen, sie wüssten schon alles. Indem ich ihnen das liefere, wonach sie sich sehnen: Aufmerksamkeit, Angst, Paralyse. Diese Leute haben das Projekt Menschheit keinen Zentimeter vorangebracht. Sie machen immer das Gleiche. Sie entwickeln sich nicht. Es ist langweilig. Und zugleich todbringend.

Vor einiger Zeit habe ich beschlossen: Vieles, was früher wichtig für mich war, geht mir ab sofort am Allerwertesten vorbei. Der Islamismus hat keine allzu große Bedeutung für mein Leben. Ebenso Turbo-Kapitalismus und Pseudo-Sozialismus. Wirklich wichtig für mich sind meine Nächsten. Meine Freunde. Rhythm ’n‘ Blues. Und der BVB.

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Projektphilosophie − neue Website …

… einfach mal reinschauen: www.projektphilosophie.de.

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Lob der Philosophie

Ständig und überall wird politisiert, psychologisiert, soziologisiert und pädagogisiert. Warum philosophieren wir so wenig?

Gerade jetzt, wo das Thema „Flüchtlinge“ immer hitziger in den Medien abgehandelt wird – von Politikern und „normalen“ Bürgern, selbsternannten Patrioten und Gutmenschen -, ist es wohltuend, einmal den Gedanken und Argumenten eines Philosophen zu folgen.

Das „Philosophie Magazin“ hat 27 Denker zum Thema Migration und Integration befragt. Wolfram Eilenberger, der Chefredakteur der Zeitschrift, wurde aus diesem Anlass von SPIEGEL ONLINE interviewt. Er sagt in diesem Interview einige bemerkenswerte Sätze, wobei er ebenso auf positive wie auf negative Aspekte der Flüchtlingsproblematik hinweist:

Ich finde, unsere Gesellschaft hat sich in den vergangenen zwölf Monaten als außerordentlich resilient, aktivierungsfähig und selbstmobilisierend gezeigt. Möglich, dass man in 20 Jahren sagt: Das war ein Wunder! Es ist sehr viel Gutes getan worden, auf das man stolz sein kann. Viele Helfer haben erkannt, dass der Staat nicht alle gesellschaftlichen Probleme lösen kann. Also haben sie sich selbst organisiert in Netzwerken. (…)

Gerade die Flüchtlingsthematik wird von einer infantilen Diskurskultur beherrscht, von wechselseitigen Unterstellungen, Häme, Beschuldigung, naiver Besserwisserei und Verhärtung. (…) Es wäre ein erwachsener Anfang, sich zunächst eine grundlegende Perplexität einzugestehen. Wir bewegen uns derzeit alle auf schwankendem Grund. Das erfordert eine besondere Wachheit und Gelenkigkeit, gerade in Bezug auf eigene Überzeugungen. Es erfordert die Bereitschaft, Unrecht zu haben.

Ich muss gestehen, hier wie auch in vielen anderen Fällen des öffentlichen Diskurses finde ich die philosophische Art zu denken und zu beurteilen hilfreicher als die politische oder die psychologische.

Warum philosophieren wir so wenig?

 

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