*** 20 subversive Thesen eines vergnügten Mathelehrers ***
Das deutsche Bildungssystem ist ausgezeichnet, es zeichnet sich aus durch Bürokratie und kleinkariertes Denken, Phantasielosigkeit und Langeweile, wobei letztere ab und zu durch einen Amoklauf oder einen Suizid unterbrochen wird.
Vergebens sucht man klare Ziele, Mut und Entschlossenheit; selten findet man Begeisterung und leidenschaftliche Unterstützung für eine der wichtigsten Aufgaben in einem Gemeinwesen: das Begleiten von Kindern und Jugendlichen auf ihrem Weg zum Erwachsensein, zum Entwickeln einer reifen Persönlichkeit.
Mein letzter Artikel (“Neues Schulfach: Projektphilosophie”), der sich mit diesem Thema beschäftigt, hat einige Resonanz gefunden, aber ich vermute, die Sprengkraft des neuen Denkansatzes ist nicht genügend deutlich geworden. Also, lassen wir die Katze aus dem Sack. Hier sind meine
20 Thesen zum deutschen Bildungswesen
1. Die Jugend ist besser als ihr Ruf – heute wie zu Sokrates’ Zeiten.
2. Die Ursachen für die Fehlentwicklungen im Bildungssektor liegen bei den Eltern, den Lehrern sowie den Entscheidern in Politik und Wirtschaft.
3. Einziger Sinn und Zweck aller Bildungsmaßnahmen ist es, die Schüler und Studenten zu befähigen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und ihr persönliches und berufliches Glück zu finden.
4. Es reicht nicht, im Philosophie- oder Kunstunterricht über Tapferkeit, Kreativität und Mut zum Risiko zu reden. Das alles muss gelebt werden, zuallererst von den Lehrerinnen und Lehrern.
5. Dies erfordert in der Konsequenz die Abschaffung des Beamtenstatus für alle Lehrpersonen in Schule und Hochschule.
6. Es macht keinen Sinn, von Schülern Teamgeist, Durchhaltevermögen und Disziplin einzufordern, solange sie keine anspruchsvollen Ziele haben.
7. Wirklich herausfordernde Ziele und echte Glücksmomente wird ein Fünfzehnjähriger niemals im normalen Schulbetrieb finden, sondern nur in einem spannenden Projekt, sei es im Bereich Theater, Musik, Sport oder Naturwissenschaft und Technik – vorausgesetzt, es ist sein Projekt und nicht das seines Lehrers oder Schulleiters.
8. Deshalb muss die Projektarbeit an allen weiterführenden Schulen dramatisch verstärkt werden – einer von fünf Schultagen sollte ab der siebten Klasse als reiner “Projekttag” definiert sein. An diesem Projekttag sollten neben der reinen Projektarbeit auch Methoden und Skills des Projekt- und Selbstmanagements vermittelt werden, einschließlich der Bezüge zu Ethik und praktischer Philosophie – in einem neuen Schulfach “Projektphilosophie“.
9. Eine kontinuierliche und professionelle Projektarbeit an den Schulen setzt voraus, dass die Lehrpersonen entsprechend qualifiziert sind. Hierzu reichen kurzatmige Weiterbildungsmaßnahmen nicht aus, erforderlich sind handfeste, praktische Erfahrungen.
10. Demzufolge sollte jeder, der eine Lehrtätigkeit an einer weiterführenden Schule oder Fachhochschule anstrebt, außer einem entsprechenden Studienabschluss mindestens fünf Jahre Berufserfahrung in einem Unternehmen der freien Marktwirtschaft nachweisen, vorzugsweise im Projektgeschäft.
11. Der Nachweis einer solchen fünfjährigen Berufstätigkeit in der freien Wirtschaft muss auch ein K.O.-Kriterium für das gesamte Management im Bildungswesen werden, ebenso für die Mitglieder des Bundestags, der Landes- und Kommunalparlamente.
12. Im Unterricht sollten wir uns vom ersten Schuljahr an auf die grundlegenden Kulturtechniken konzentrieren: Lesen, Schreiben, Rechnen, logisches Denken, Zuhören, freies Reden – und zwar ohne Handy und Notebook, bis auf begründete und temporäre Ausnahmen. Die Lehrpläne und das Dickicht der zahllosen Bildungs- und Studiengänge müssen deshalb radikal entrümpelt werden.
13. Wichtigste Voraussetzung hierfür ist die Abschaffung der sechzehn Landesministerien für Schule und Hochschule und die Installation eines entsprechenden Bundesministeriums.
14. Mit 16 Jahren sind unsere Jugendlichen nicht mehr schulpflichtig, aber allzu viele begreifen das nicht. Sie kleben – statt sich eine Arbeitsstelle für eine Berufsausbildung zu erkämpfen - weiter am System Schule, vorzugsweise in einer “Höheren Berufsfachschule”, obwohl ihr Leistungsniveau und/oder ihre charakterliche Reife hierzu nicht ausreichen. Das Ergebnis sind Heerscharen von “Nesthockern“, die mit zwanzig oder mehr Jahren weder ein halbwegs ordentliches (Fach)Abi gebaut noch einen Berufsabschluss geschafft haben. Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt laufen gegen Null, ebenso Lebensmut und Selbstvertrauen.
15. Damit auch der letzte Fünfzehnjährige nicht das bevorstehende Ende seiner Schulpflicht verschläft, ist die Sekundarstufe II der Gymnasien und Gesamtschulen abzukoppeln und als eigenständiges “Studienkolleg” (vergleichbar dem College in anderen Ländern) in separaten Gebäuden fortzuführen – parallel zu den bereits existierenden Berufskollegs bzw. beruflichen Gymnasien. Das bedeutet: Wie an den Haupt- und Realschulen endet die Schulzeit auch an Gymnasien und Gesamtschulen nach der 10. Klasse, danach ist “das Kind” – wie viele Mütter ihre 17- oder 18-jährigen nennen – in einem Betrieb tätig oder Student an einem Kolleg.
16. Das Bestehen eines Eingangstests in Mathematik, Deutsch und Englisch muss Voraussetzung für die Zulassung zu einem dieser Kollegs werden. Zur Vorbereitung auf den Eingangstest sollten entsprechende Sommerkurse angeboten werden.
17. Wer den Eingangstest nicht schafft und auch keine Ausbildungsstelle hat, nimmt an einem einjährigen Berufsorientierungskurs teil, in welchem er Praktika in diversen Branchen absolviert und systematisch bei seinen Bewerbungsaktivitäten gecoacht wird. Einziges Ziel: Wechsel zu einem Ausbildungsbetrieb, möglichst schon während des Orientierungsjahrs. Handwerk und Industrie sollten dabei auf überzogene Ansprüche verzichten und im Zweifelsfall einem “schwierigen” Bewerber eine Chance geben.
18. Die Höhere Berufsfachschule und alle ähnlichen Bildungsgänge können somit abgeschafft werden. Das heißt: Neben dem direkten Weg zum Abitur oder Fachabitur über ein Vollzeit-Kolleg gibt es weiterhin das Abendgymnasium sowie die viel zu wenig beachtete Fachoberschule – für alle, die einen IHK-Berufsabschluss erreicht haben und danach die Hochschulreife erwerben wollen. Letzteres ist aus meiner Sicht für viele jungen Leute “der Königsweg“.
19. Zentrales Ziel aller Maßnahmen muss sein: Jeder junge Mensch hat spätestens mit Anfang zwanzig eine abgeschlossene Berufsausbildung im Rahmen unseres weltweit angesehenen dualen Ausbildungssystems.
20. In der Konsequenz führt dies zu einer weiteren Neuerung: Neben der Hochschulreife wird der erfolgreiche Abschluss einer IHK-Berufsausbildung notwendig für die Zulassung zu einem Hochschulstudium. Wer also mit 18 oder 19 Jahren sein Abitur macht, kann – wie bisher – eine verkürzte Berufsausbildung durchlaufen und mit 20 oder 21 sein Studium beginnen – so wie früher jeder, der nach dem Abitur seinen Wehr- oder Ersatzdienst zu absolvieren hatte. Das Ganze bewirkt zweierlei: Die Studienanfänger gehen wesentlich zielstrebiger und strukturierter an den Start, und für Studienabbrecher ist der Schaden begrenzt, denn es gibt sie nicht mehr – die “Abiturienten mit Lebenserfahrung”. Auch nicht im Deutschen Bundestag
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