WORK HARD PLAY HARD – Von der Freiheit eines Projektmenschen

 

Meine Tochter Kyra, die seit vielen Jahren im Filmprojektgeschäft tätig ist, gab mir vor einiger Zeit den Tipp: Schau’ dir mal “WORK HARD PLAY HARD” an, der Film ist was für dich. Sie hat Recht behalten.

In dem Dokumentarfilm von Carmen Losmann geht es um die schöne, neue Business-Welt – um durchgestylte Büroräume und durchgestylte Typen, um Management-Sprech, dessen unfreiwillige Komik bei mir immer wieder lautes Lachen auslöste. Losmann zeigt, wie sich junge, intelligente Menschen voller Enthusiasmus in Projekte stürzen, die in Wahrheit nicht ihr Ding sind, sondern das Ding derer, von denen sie auf subtile Weise ausgebeutet werden – rund um die Uhr verfügbar per Handy bzw. Smartphone.

Nehmen Sie sich zwei Minuten Zeit zum Anschauen des Trailers und vergessen Sie nicht: Sie haben jederzeit die Freiheit, Nein zu sagen zu diesen schönen, neuen Bürolandschaften. Die Freiheit, hinauszugehen in eine echte Landschaft – ans Meer, in die Berge, um dort zu überprüfen, was wirklich Ihr Ding ist. Denken Sie nach über Fremdbestimmung, Abhängigkeit und die Freiheit eines Projektmenschen. Und über Sokrates: Ein Leben, das sich nicht selbst geprüft hat, ist es nicht wert, gelebt zu werden.

 

P. S.: Auf www.zuvielschule.de gibt es jetzt einen neuen Artikel auf der Basis aktueller Allensbach-Umfragewerte:

Ist die Schule zu hart? Oder sind die Schüler zu weich geworden?

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Piraten, Bankräuber und Bilanzfälscher – ein Nachtrag

 

Manch einer wird beim Lesen meines Artikels “Freibeuter mit Pensionsberechtigung …”, den ich vor ein paar Stunden veröffentlicht habe, denken, es gehe mir dabei nur um Polemik, Klamauk oder den erheblichen Mangel an Projektkompetenz innerhalb der Piratenpartei. Dem ist nicht so. Das Thema ist zu ernst für bloße Projektmanagement-Statements.

In der Piratenpartei mag es durchaus Leute mit ehrenwerten Absichten geben. Aber ich lasse mich nicht davon abbringen, dass allein der Name dieser Partei ebenso schwachsinnig wie makaber ist. Eine “Bankräuber-” oder “Bilanzfälscherpartei” würde genauso viel bzw. wenig Sinn machen.

Ein einziger Blick auf den Wikipedia-Artikel über die Piraten vor der Küste Somalias oder den kürzlich publizierten SPIEGEL-Bericht über den Anti-Piraten-Einsatz der Bundeswehr zeigt: Als “Piraten” bezeichnet man zwar einerseits Leute, die illegal Texte, Bilder und Videos aus dem Internet auf ihren Rechner laden, weil sie den Begriff des geistigen Eigentums für “ekelhaft” halten (Originalton Julia Schramm); zum anderen aber steht das Wort “Piraterie” seit Jahrtausenden für Gewalt, Verbrechen und Krieg.

Wer also unter dem Namen “Piratenpartei” in den Wahlkampf zieht, muss damit rechnen, dass er von vielen Wählern für verantwortungslos oder zumindest für beschränkt gehalten wird. Ich glaube, das Wort “beschränkt” trifft es am besten. Der typische PiPa-Aktivist oder PiPa-Wähler lebt in einer kleinen, beschränkten Welt. Er verwechselt Computerspiel-Raffinesse und Hacker-Trickserei mit politischer Kompetenz und Kampagnenfähigkeit. Und weil die Cyberworld für ihn 90% des realen Universums ausmacht, meint er, diese seine Welt müsse er schleunigst Helmut Schmidt, Marcel Reich-Ranicki und all den anderen alten Knackern mit der “Medienkompetenz eines Zwölfjährigen” erklären.

Einige werden mir nun entgegen halten: Wieso erzielen die “Piraten” denn im Augenblick so hohe Werte bei den Meinungsumfragen? Die Antwort gibt Ihnen Horst Schlämmer.

 

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Freibeuter mit Pensionsberechtigung – das Piraten-Pseudoprojekt und sein neuer Chef

 

„29.4.2012. 09.05 Uhr. Guten Morgen liebe Bankräuber und liebe Fans … der neue Vorsitzende der Bankräuberpartei ist Referent bei der Bundesbank …“. Na ja, ich gebe zu, das war ein Fake. Es gibt keine Bankräuberpartei, die heute auf ihrer Internetplattform hautnah vom aktuellen Bundesparteitag berichtet.

Sie brauchen aber nur „Bankräuber“ durch „Piraten“ zu ersetzen und „Bundesbank“ durch „Bundesministerium der Verteidigung“, dann sind Sie schlagartig in der Realität.

Ja, richtig, der neue Oberpirat Bernd Schlömer ist Ministerialbeamter, mit Anspruch auf Besoldung und Versorgung bis ans Lebensende. Herzlichen Glückwunsch. Lustig und verwegen ist das Piratenleben.

Wie immer, wenn eine neue Sau durchs politische Dorf gejagt wird, ist schnell von einem „Projekt“ die Rede. Die Piratenpartei – ein Projekt? Nehmen Sie die typischen Projekt-Merkmale und entscheiden Sie selbst:

  • Projektziele: Haben die „Piraten“ klar umrissene Ziele? Oder geht es nur um Protest gegen das derzeitige politische Establishment? Warum wird ständig damit kokettiert, dass man als „Pirat“ nicht immer Standpunkte zu vertreten hat.
  • Meilensteine: Wollen die Piraten z. B. bis zu einem Zeitpunkt x Regierungsverantwortung übernehmen? Oder wollen sie die Sache auf unbestimmte Zeit vertagen, wie es Frau Weisband fordert?
  • Abgrenzung von anderen Projekten: Der neue Vorsitzende Schlömer hat sich zwar für eine klare Abgrenzung gegen die rechte Szene eingesetzt. Aber ist dies – nach den verwirrenden Äußerungen führender Parteimitglieder in letzter Zeit – wirklich überzeugend?

Zum Kriterium “überzeugend” hier nur ein Beispiel: Im Abschnitt “Geschlechter- und Familienpolitik” des Piraten-Parteiprogramms heißt es unter anderem:

Auch gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften müssen zusammen Kinder bekommen, adoptieren und aufziehen dürfen.

Das mit dem Adoptieren und Aufziehen habe ich so weit verstanden. Aber wer kann mir bitte erklären, wie das “Kinder bekommen” bei gleichgeschlechtlichen Partnern funktioniert? Ich vermute, die Piratenpartei hat hierfür ein Patent entwickelt, welches in Kürze – gemäß den ehernen Piraten-Regeln – allen Bürgern frei zugänglich gemacht wird.

Vielleicht habe ich das alles auch nur falsch verstanden, weil mir die nötige “Medienkompetenz” fehlt. Zwar beschäftige ich mich seit über vierzig Jahren mit Informations- und Kommunikationstechnologie und bin nebenbei vierfacher Vater, aber solche Lappalien aus der realen Welt sind für bekennende PiPa-Nerds offensichtlich nur Pillepalle.

Ich vermute, Begriffe wie Geschlecht oder Familie interpretieren „Piraten“ völlig anders als Menschen wie du und ich, und ein “Avatar” hat für sie einen viel größeren Stellenwert als das antike Wort “Vater”, dessen Bedeutung jüngeren Piraten kaum noch geläufig sein dürfte. Zeugung und Geburt eines Menschen wären demnach nichts anderes als eine “Rückführung von Werken in den öffentlichen Raum” ähnlich wie das Verfassen eines Gedichts, eines Buchs oder eines Pop-Songs. Die entsprechende Passage im PiPa-Grundsatzprogramm (Abschnitt “Urheberrecht …”) lautet:

Im Allgemeinen wird für die Schaffung eines Werkes in erheblichem Maße auf den öffentlichen Schatz an Schöpfungen zurückgegriffen. Die Rückführung von Werken in den öffentlichen Raum ist daher (…) von essentieller Wichtigkeit.

Anders gesagt: Wenn eine „Lebensgemeinschaft“ ein Kind bekommt, so war das Kind immer schon irgendwie da – im „öffentlichen Schatz an Schöpfungen“, d. h. „Mutterschaft“ und „Vaterschaft“ sind ebenso antiquierte Begriffe wie „Urheberschaft“.

Vielleicht wollen die “Piraten” sich demnächst nur noch mit Hilfe der Copy&Paste-Funktion vermehren. Das wiederum lässt hoffen, dass der unaufhaltsame Aufstieg der beamteten Freibeuter und ewigen Kindsköpfe, die immer nur Fragen stellen und nie Antworten liefern wollen, irgendwann sein natürliches Ende finden wird.

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Das Nesthocker-Syndrom – oder: “Königsweg” versus “Highway to Hell”

 

Für alle, die es noch nicht mitbekommen haben: Ich bin Mathelehrer. Zwar arbeite ich seit etlichen Jahren als Trainer, Berater und Autor im Bereich Projektmanagement & Philosophie und habe vor gut einem Jahr mit dem Bloggen angefangen. Aber ganz “nebenbei” unterrichte ich auch Mathematik an einem Berufskolleg im Rheinland.

Heute möchte ich Ihnen einmal ein paar statistische Daten aus dem Schulalltag liefern. Es geht dabei nicht um eine repräsentative Umfrage oder eine Langzeitstudie, aber Sie können sicher sein: Meine kleine Statistik in Form eines Notenspiegels ist sehr aktuell, sehr authentisch, und es handelt sich nicht um irgendeinen Sonderfall. Meine Kolleginnen und Kollegen berichten mir seit vielen Jahren von ähnlich niederschmetternden Ergebnissen.

Die Ausgangssituation: Zur Zeit unterrichte ich in drei Klassen Mathematik, deren Schülerinnen und Schüler in wenigen Wochen ihr Fachabitur bauen wollen. Es handelt sich um eine HBFS-Klasse (Höhere Berufsfachschule) und zwei FOS-Klassen (Fachoberschule).

Am 29.3.2012, also vor den Osterferien ließ ich in allen drei Klassen eine Parallel-Klausur zum Thema Integralrechnung schreiben – alle Teilnehmer hatten somit zeitgleich dieselben Aufgaben zu bearbeiten. Von insgesamt 66 Schülern traten 16 (!) nicht am lange vorher vereinbarten Tag zur Klausur an – für mich ein deutliches Signal der Verweigerung, selbst wenn ein Teil dieser Schüler aus triftigen Gründen fehlte; im Fußball würde man von Spielverzögerung oder taktischem Foul sprechen. Jedenfalls gehen diese Schüler nicht in die folgenden Auswertungen ein. Hier sind die Ergebnisse vom 29.3.:

 

Note:                 1    2    3    4    5    6     Summe    Durchschnittsnote
——————————————————————————————————-
Anzahl/HBFS:     0    3    1    6    6    2         18                 4,2
Anzahl/FOS1:     4    5    3    2    3    0         17                 2,7
Anzahl/FOS2:     2    7    3    2    1    0         15                 2,5

 

Und nun kommt die Pointe: Die Schüler der HBFS-Klasse, in der dramatisch schlechtere Ergebnisse erzielt wurden, sind genau die, die am längsten “beschult” worden sind! Im einzelnen haben die beiden Bildungsgänge folgende Merkmale:

 

HBFS (“Highway to Hell”)
- Zweijähriger Bildungsgang
- die Schüler haben zuvor bereits einen Realschulabschluss erworben; sie sind also 12 Jahre ununterbrochen zur Schule gegangen, einige von ihnen 13 oder 14 Jahre
- während 20,5 Monaten werden ca. 300 Mathematik-Unterrichtsstunden erteilt
- etwa die Hälfte der Schüler schafft im ersten Anlauf den HBFS-Abschluss und hat mit ca. 18-19 Jahren das Fachabitur erreicht.
-  die andere Hälfte hat ein oder mehrere Schuljahre wiederholt und mit ca. 20 Jahren im günstigen Fall ein schwaches Fachabitur geschafft, im ungünstigen Fall: nichts außer dem Realschulabschluss; Berufsabschluss: Fehlanzeige.

 

FOS (“Königsweg”)
- Einjähriger Bildungsgang, jedoch vorzeitiger Abschluss; also 8,5 Monate
- die Schüler haben zuvor einen technisch/handwerklichen Berufsabschluss (IHK bzw. Handwerkskammer) erreicht; sie haben also nach 10 Jahren Grund- und Haupt- bzw. Realschule mindestens drei Jahre in einem Betrieb gearbeitet und müssen sich zu Beginn des FOS-Kurses erst wieder an den Vollzeit-Schulbetrieb gewöhnen
- in 8,5 Monaten werden ca. 180 Mathematik-Unterrichtsstunden erteilt
- kaum Wiederholer
- Im Erfolgsfall hat ein Schüler mit ca. 20 bis 21 Jahren neben dem Berufsabschluss die Fachhochschulreife erreicht.

 

Aus der Sicht eines Bildungsgang-Projektmanagers ergibt sich als Fazit für die drei oben erwähnten konkreten Kurse:

FOS-Projekt
- Zwei Teams mit insgesamt 32 Schülern
- Projektdauer: 8,5 Monate
- Projektkosten: EUR 136.000,–
(jeder Berufskolleg-Schüler kostet den Steuerzahler pro Monat ca. EUR 500,–)
- Projektergebnis (Prognose): 28 Schüler erreichen das Ziel (Fachabitur)
- Kosten pro Fachabitur: ca. EUR 4.900,–

HBFS-Projekt
- Ein Team mit 18  Schülern
- Projektdauer: 32,5 Monate (wegen einiger Wiederholer); erste Teilergebnisse nach 20,5 Monaten
- Projektkosten: ca. EUR 220.000,– (inkl. “Ehrenrunden”)
- Projektergebnis (Prognose): 12 Schüler erreichen das Ziel (Fachabitur)
- Kosten pro Fachabitur: ca. EUR 18.300,–

(Übrigens, falls Sie meinen, es gäbe an unserem Berufskolleg nur die eine, hier erwähnte HBFS-Abschlussklasse: In diesem Jahr gibt es 7 (!) HBFS-Abschlussklassen, das bedeutet eine Investition von etwa EUR 1.5 Millionen für schätzungsweise 80-90 erfolgreiche Fachabiturienten.)

Nun wird der ein oder andere einwenden: Wie kann man nur im Bereich Schule ähnliche Kosten/Nutzen-Rechnungen wie im Projektgeschäft durchführen? Ich stelle die Gegenfrage: Wieso eigentlich nicht? Das Geld für die Ausbildung der zahlreichen HBFS-Schüler muss doch jedes Jahr erwirtschaftet werden – unter anderem von den weniger zahlreichen künftigen FOS-Schülern, die mit 16 in eine Berufsausbildung einsteigen und jahrelang Steuern zahlen, während ihre Altersgenossen ununterbrochen die Schulbank drücken.

Was ich beim HBFS-Bildungsgang jedoch viel schlimmer finde als die Vergeudung von Steuergeldern, ist die Vergeudung von Lebenszeit der betroffenen Schüler. Viele von ihnen erlebe ich im Verlauf des zweijährigen Kurses als zunehmend lustlos und demotiviert; und die, die den Fachabi-Abschluss nicht schaffen, driften ab in Apathie und Depression, denn sie ahnen: in ihrem Alter haben sie nur minimale Chancen am Arbeitsmarkt.

 

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Eine zusammenfassende Darstellung zum Thema “Nesthocker” sowie zum “Königsweg” Fachoberschule finden sie  auf  www.zuvielschule.de.
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Und für alle HBFS- oder auch AC/DC-Fans hier die deutsche Übersetzung von “Highway to Hell”:

Leichtes Leben, freie Liebe,
Dauerkarte auf einer Einwegfahrt.
Ich will nichts
Lass mich in Ruhe
Ich schaffe alles mit links
ich brauche keinen Grund, ich brauche keinen Reim
(Ich brauche weder Sinn noch Verstand)
Es gibt nichts was ich lieber täte,
runter geh´n
Zeit zum feiern
Meine Freunde werden auch da sein.

Ich bin auf dem Highway zur Hölle.

Keine Stopschilder,
Geschwindigkeitsbegrenzungen.
Niemand wird mich bremsen,
wie ein Rad
Ich werde es drehen
niemand wird mich verarschen
Hey Satan,
Ich zahle meinen Beitrag
Ich spiele in einer Rock-Band,
hey Mama, schau mich an,
ich bin auf meinem Weg in das versprochene Land.

Ich bin auf dem Highway zur Hölle

Halt mich nicht auf

Ich bin auf dem Highway zur Hölle
Und ich geh den ganzen Weg runter
Ich bin auf dem Highway zur Hölle

(aus: http://www.songtexte.com/uebersetzung/acdc/highway-to-hell-deutsch-1bd6bd2c.html)

Eine Aufzeichnung vom legendären AC/DC-Konzert im River-Plate-Stadion, Buenos Aires, aus dem Jahr 2009 gibt es bei Youtube. Der Höhepunkt: “Autopista al Infierno“.

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Zu viel Schule, zu dumm fürs Leben

 

Ab heute gibt es eine neue Internet-Plattform für die Themen Schule und Arbeitswelt, Abitur und Berufsabschluss. Die Kernthese dabei lautet: Bei jedem Schüler kommt – früher oder später – ein Punkt, wo es durch weiteres Schulbank-Drücken nicht besser, sondern schlechter wird; wo es höchste Zeit wird, ins Arbeitsleben einzusteigen statt weiter am System Schule zu kleben und in Richtung Langeweile und Depression abzudriften. Etwas plakativer gesagt: Abitur allein macht nicht glücklich.

Trotzdem schieben viele Eltern ihre Söhne und Töchter unverdrossen in langwierige Bildungsgänge, wo sie von beamteten Lehrern so unterrichtet werden, als wollten sie selbst alle einmal Oberstudienrat werden.

Da ich das derzeitige deutsche Bildungssystem für ziemlich krank halte, bin ich wie ein Arzt an die Sache herangegangen: zuerst die Diagnose, dann die Therapie. Diese enthält einige radikale Maßnahmen, z. B. die Stärkung der dualen Berufsausbildung und der Projektarbeit an den Schulen sowie die Abschaffung des Beamtenstatus für Lehrer.

Solche Schritte wären selbstverständlich für die davon Betroffenen sehr schmerzhaft; deshalb wird seit Jahrzehnten das verabreicht, was nicht wehtut, aber eben den Zustand des “Patienten” verschlimmert: Reförmchen, Beschönigung und Aufschieberitis. Die vollständige “Krankenakte” finden Sie unter: www.zuvielschule.de.

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Fastenzeit.

 

Ich habe beschlossen, für eine Weile nicht zu bloggen. Ab sofort, oder genauer: nachdem ich diese Zeilen zu Ende geschrieben habe. Mal sehen, wie lange ich das durchhalte.

Fasten heißt verzichten. Und natürlich macht die Sache nur Sinn, wenn es weh tut. Wenn der Kampf mit dem “inneren Schweinehund” aufgenommen wird. Ich werde also für eine Weile auf etwas verzichten, das mir zu einer lieben Gewohnheit geworden ist. Kein Zweifel, Bloggen kann zum Suchtverhalten führen, so wie Nikotin, Alkohol, Simsen oder Facebooken.

Was mir beim Fasten ein wenig hilft, ist der Gedanke: Irgendwann geht alles einmal zu Ende. Irgendwann trinkst du dein letztes Hefeweizen, irgendwann schreibst du deinen letzten Artikel, womöglich in diesem Augenblick. Oder auch nicht. Jedenfalls schadet’s nicht, schon mal ein bisschen zu üben.

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Gauck und Merkel, Spirit und Pragma

 

Der Präsident unseres Staates hatte nie viel zu sagen. Bis gestern Abend. Seit Joachim Gaucks Statement anlässlich seiner Nominierung für das Amt des Bundespräsidenten wissen wir: Dieser Mann hat etwas zu sagen, und er tut es überzeugend, in bewegenden Worten und in freier Rede.

Dagegen die Rede der Kanzlerin: vom Blatt abgelesen, hölzern, blutleer, ein Manifest des nüchternen Machtkalküls. Die Dame muss geahnt haben, was nun auf sie zukommen wird; entsprechend lange hat sie sich gesträubt, den Weg freizumachen für den, den das Volk seit etwa zwei Jahren als Präsident haben will.

Gaucks Botschaft: Freiheit, Liebe zum Vaterland, Übernehmen von Verantwortung, Ehrlichkeit, Tapferkeit. Nach all den Lächerlichkeiten und Peinlichkeiten der Westerwelles, Guttenbergs und Wulffs plötzlich ein Mensch, der einfach sagt, was er denkt und vor allem: was er fühlt. Einer, der nicht nur für Pragma steht, sondern ebenso für Spirit - für Spiritualität und visionäre Kraft.

Für Angela Merkel wird sich eine Menge ändern. In den letzten Jahren hat sie sich mit einer immer größer werdenden Schar von Zwergen umgeben und ist dabei selbst zur Beliebtheits-Riesin geworden. Mit Joachim Gauck an ihrer Seite wird vermutlich nicht nur ihr Ansehen in der Bevölkerung schrumpfen, sondern auch ihr Handlungsspielraum beim Zwergen-Schach.

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Kopernikus, Gandhi, Einstein – Das Unumkehrbare umkehren, das Undenkbare denken, das Unmögliche möglich machen.

 

“Die gefährlichste Sache auf der Welt ist die Überquerung eines Abgrunds in zwei Sprüngen”, hat Lloyd George einmal gesagt. Von Wilhelm Busch stammen die folgenden Verse:

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Frisch gewagt

Es kamen mal zwei Knaben
An einen breiten Graben.
Der erste sprang hinüber,
Schlankweg, je eh’r, je lieber.
War das nicht keck?
Der zweite, fein besonnen,
Eh’ er das Werk begonnen,
Sprang in den Dreck.

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Was wir von George und Busch – nicht George W. Bush ;-) – lernen können: Prozesse, vor allem politische und gesellschaftliche Entwicklungen, verlaufen nicht immer linear und stetig, bisweilen ist ein großer Sprung nach vorn erforderlich.

In meinem letzten Artikel (“Ein Schul-Reförmchen …“) habe ich, wenn auch mit einem Augenzwinkern, den Begriff “Revolution” ins Spiel gebracht, um den Blick auf den Zustand des deutschen Bildungswesens und die aus meiner Sicht notwendigen Maßnahmen zu lenken. Natürlich kommen, wenn man sich so aus dem Fenster lehnt, sehr schnell Reaktionen wie “völlig überzogen … unmöglich” oder “gut gebrüllt, Löwe.”

Aber mir geht es nicht um Satire oder Kabarett. Eine Revolution - im Sinne von radikaler Erneuerung und ebenso Rückbesinnung auf alte Werte – ist genau das, was wir jetzt an Deutschlands Schulen brauchen.

Jahrzehntelang haben deutsche Bildungsbürokraten mit ihrer Politik der kleinen Schritte einen Scherbenhaufen angerichtet. Die ungezählten “Reförmchen” haben kaum etwas nach vorn gebracht. Man ist – aus Mangel an Phantasie und aus Feigheit – immer wieder zu kurz gesprungen, in den Dreck. Wenn wir nicht länger in diesem Morast stecken bleiben wollen, brauchen wir einen echten Befreiungsschlag.

Das Wort “Revolution” wird oft reflexartig mit Krieg, Gewalt und großem Leid verknüpft. Natürlich gab es in der Geschichte viele gewaltsame, jedoch auch friedliche Revolutionen, hier in Deutschland zuletzt im Jahr 1989 auf den Straßen von Leipzig. Und Menschen wie Einstein, Kopernikus oder Gandhi beispielsweise waren keine Gewalt-, sondern Projektmenschen. Sie haben für ihre revolutionären Ideen stets auf friedliche Weise gekämpft.

Worauf warten wir?

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Ein Schul-Reförmchen, wie immer? … Nein, diesmal nehme ich die Revolution.

 

***  20 subversive Thesen eines vergnügten Mathelehrers  ***

 

Das deutsche Bildungssystem ist ausgezeichnet, es zeichnet sich aus durch Bürokratie und kleinkariertes Denken, Phantasielosigkeit und Langeweile, wobei letztere ab und zu durch einen Amoklauf oder einen Suizid unterbrochen wird.

Vergebens sucht man klare Ziele, Mut und Entschlossenheit; selten findet man Begeisterung und leidenschaftliche Unterstützung für eine der wichtigsten Aufgaben in einem Gemeinwesen: das Begleiten von Kindern und Jugendlichen auf ihrem Weg zum Erwachsensein, zum Entwickeln einer reifen Persönlichkeit.

Mein letzter Artikel (“Neues Schulfach: Projektphilosophie”), der sich mit diesem Thema beschäftigt, hat einige Resonanz gefunden, aber ich vermute, die Sprengkraft des neuen Denkansatzes ist nicht genügend deutlich geworden. Also, lassen wir die Katze aus dem Sack. Hier sind meine

 

20 Thesen zum deutschen Bildungswesen

 

1. Die Jugend ist besser als ihr Ruf – heute wie zu Sokrates’ Zeiten.

2. Die Ursachen für die Fehlentwicklungen im Bildungssektor liegen bei den Eltern, den Lehrern sowie den Entscheidern in Politik und Wirtschaft.

3. Einziger Sinn und Zweck aller Bildungsmaßnahmen ist es, die Schüler und Studenten zu befähigen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und ihr persönliches und berufliches Glück zu finden.

4. Es reicht nicht, im Philosophie- oder Kunstunterricht über Tapferkeit, Kreativität und Mut zum Risiko zu reden. Das alles muss gelebt werden, zuallererst von den Lehrerinnen und Lehrern.

5. Dies erfordert in der Konsequenz die Abschaffung des Beamtenstatus für alle Lehrpersonen in Schule und Hochschule.

6. Es macht keinen Sinn, von Schülern Teamgeist, Durchhaltevermögen und Disziplin einzufordern, solange sie keine anspruchsvollen Ziele haben.

7. Wirklich herausfordernde Ziele und echte Glücksmomente wird ein Fünfzehnjähriger niemals im normalen Schulbetrieb finden, sondern nur in einem spannenden Projekt, sei es im Bereich Theater, Musik, Sport oder Naturwissenschaft und Technik – vorausgesetzt, es ist sein Projekt und nicht das seines Lehrers oder Schulleiters.

8. Deshalb muss die Projektarbeit an allen weiterführenden Schulen dramatisch verstärkt werden – einer von fünf Schultagen sollte ab der siebten Klasse als reiner “Projekttag” definiert sein. An diesem Projekttag sollten neben der reinen Projektarbeit auch Methoden und Skills des Projekt- und Selbstmanagements vermittelt werden, einschließlich der Bezüge zu Ethik und praktischer Philosophie – in einem neuen Schulfach “Projektphilosophie“.

9. Eine kontinuierliche und professionelle Projektarbeit an den Schulen setzt voraus, dass die Lehrpersonen entsprechend qualifiziert sind. Hierzu reichen kurzatmige Weiterbildungsmaßnahmen nicht aus, erforderlich sind handfeste, praktische Erfahrungen.

10. Demzufolge sollte jeder, der eine Lehrtätigkeit an einer weiterführenden Schule oder Fachhochschule anstrebt, außer einem entsprechenden Studienabschluss mindestens fünf Jahre Berufserfahrung in einem Unternehmen der freien Marktwirtschaft nachweisen, vorzugsweise im Projektgeschäft.

11. Der Nachweis einer solchen fünfjährigen Berufstätigkeit in der freien Wirtschaft muss auch ein K.O.-Kriterium für das gesamte Management im Bildungswesen werden, ebenso für die Mitglieder des Bundestags, der Landes- und Kommunalparlamente.

12. Im Unterricht sollten wir uns vom ersten Schuljahr an auf die grundlegenden Kulturtechniken konzentrieren: Lesen, Schreiben, Rechnen, logisches Denken, Zuhören, freies Reden – und zwar ohne Handy und Notebook, bis auf begründete und temporäre Ausnahmen. Die Lehrpläne und das Dickicht der zahllosen Bildungs- und Studiengänge müssen deshalb radikal entrümpelt werden.

13. Wichtigste Voraussetzung hierfür ist die Abschaffung der sechzehn Landesministerien für Schule und Hochschule und die Installation eines entsprechenden Bundesministeriums.

14. Mit 16 Jahren sind unsere Jugendlichen nicht mehr schulpflichtig, aber allzu viele begreifen das nicht. Sie kleben – statt sich eine Arbeitsstelle für eine Berufsausbildung zu erkämpfen - weiter am System Schule, vorzugsweise in einer “Höheren Berufsfachschule”, obwohl ihr Leistungsniveau und/oder ihre charakterliche Reife hierzu nicht ausreichen. Das Ergebnis sind Heerscharen von “Nesthockern“, die mit zwanzig oder mehr Jahren weder ein halbwegs ordentliches (Fach)Abi gebaut noch einen Berufsabschluss geschafft haben. Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt laufen gegen Null, ebenso Lebensmut und Selbstvertrauen.

15. Damit auch der letzte Fünfzehnjährige nicht das bevorstehende Ende seiner Schulpflicht verschläft, ist die Sekundarstufe II der Gymnasien und Gesamtschulen abzukoppeln und als eigenständiges “Studienkolleg” (vergleichbar dem College in anderen Ländern) in separaten Gebäuden fortzuführen – parallel zu den bereits existierenden Berufskollegs bzw. beruflichen Gymnasien. Das bedeutet: Wie an den Haupt- und Realschulen endet die Schulzeit auch an Gymnasien und Gesamtschulen nach der 10. Klasse, danach ist “das Kind” – wie viele Mütter ihre 17- oder 18-jährigen nennen – in einem Betrieb tätig oder Student an einem Kolleg.

16. Das Bestehen eines Eingangstests in Mathematik, Deutsch und Englisch muss Voraussetzung für die Zulassung zu einem dieser Kollegs werden. Zur Vorbereitung auf den Eingangstest sollten entsprechende Sommerkurse angeboten werden.

17. Wer den Eingangstest nicht schafft und auch keine Ausbildungsstelle hat, nimmt an einem einjährigen Berufsorientierungskurs teil, in welchem er Praktika in diversen Branchen absolviert und systematisch bei seinen Bewerbungsaktivitäten gecoacht wird. Einziges Ziel: Wechsel zu einem Ausbildungsbetrieb, möglichst schon während des Orientierungsjahrs. Handwerk und Industrie sollten dabei auf überzogene Ansprüche verzichten und im Zweifelsfall einem “schwierigen” Bewerber eine Chance geben.

18. Die Höhere Berufsfachschule und alle ähnlichen Bildungsgänge können somit abgeschafft werden. Das heißt: Neben dem direkten Weg zum Abitur oder Fachabitur über ein Vollzeit-Kolleg gibt es weiterhin das Abendgymnasium sowie die viel zu wenig beachtete Fachoberschule – für alle, die einen IHK-Berufsabschluss erreicht haben und danach die Hochschulreife erwerben wollen. Letzteres ist aus meiner Sicht für viele jungen Leute “der Königsweg“.

19. Zentrales Ziel aller Maßnahmen muss sein: Jeder junge Mensch hat spätestens mit Anfang zwanzig eine abgeschlossene Berufsausbildung im Rahmen unseres weltweit angesehenen dualen Ausbildungssystems.

20. In der Konsequenz führt dies zu einer weiteren Neuerung: Neben der Hochschulreife wird der erfolgreiche Abschluss einer IHK-Berufsausbildung notwendig für die Zulassung zu einem Hochschulstudium. Wer also mit 18 oder 19 Jahren sein Abitur macht, kann – wie bisher – eine verkürzte Berufsausbildung durchlaufen und mit 20 oder 21 sein Studium beginnen – so wie früher jeder, der nach dem Abitur seinen Wehr- oder Ersatzdienst zu absolvieren hatte. Das Ganze bewirkt zweierlei: Die Studienanfänger gehen wesentlich zielstrebiger und strukturierter an den Start, und für Studienabbrecher ist der Schaden begrenzt, denn es gibt sie nicht mehr – die “Abiturienten mit Lebenserfahrung”. Auch nicht im Deutschen Bundestag ;-) .

 

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Neues Schulfach: Projektphilosophie

… damit unsere Kinder lernen, mit großen Zielen und festen Werten ihr Leben zu meistern

 

 

 

Stellen Sie sich vor, ein achtzehnjähriger Bekannter erzählt Ihnen, dass sein bester Freund sich vor zwei Tagen das Leben genommen hat. Wie reagieren Sie? Werden Sie die die richtigen Worte finden?

Ich muss gestehen, ich habe mich sehr schwer getan in dieser Situation vor ein paar Wochen. Ich bin nicht Pfarrer oder Therapeut, ich bin Lehrer für Mathematik und Informatik. Aber ich habe zuvor etliche Jahre im Projektgeschäft gearbeitet, und ich bin Vater von zwei Töchtern und zwei Söhnen; deshalb beschäftigt mich seit geraumer Zeit die Frage:

Warum lernen unsere Kinder in der Schule tausend Fakten und Begriffe, aber so gut wie nichts von dem, was man braucht, um sein Leben zu meistern?

Seit tausenden von Jahren gibt es Regeln und Techniken, die Voraussetzung für ein gelingendes Leben sind; hinzu gekommen sind moderne Methoden des Selbst- und Projektmanagements. Man muss sie nur kennenlernen und vor allem: anwenden. Appius Claudius Caecus hat es auf den Punkt gebracht: Jeder ist seines Glückes Schmied.

Seit Anfang Januar habe ich zusammen mit einem guten Dutzend Fachoberschülern am Carl-Reuther-Berufskolleg in Hennef wieder eine “Schmiede” eingerichtet, in der wir das Projektphilosophie-Handwerk trainieren. Es wird philosophiert, es werden Begriffe hinterfragt, Methoden und Techniken ausprobiert, Ideen entwickelt und dann in Projekten umgesetzt, das heißt: Wir versuchen, praktische Philosophie und Projektmanagement unter einen Hut zu bringen.

Unser langfristiges Ziel: Frische Luft fürs deutsche Bildungswesen durch die Einführung von “Projektphilosophie” an allen weiterführenden Schulen, zunächst in Form von Arbeitsgemeinschaften, dann als Wahl- oder auch Pflichtfach.

Wir wissen, dass dies ein hohes Ziel ist. Aber von Seneca, der schon vor etwa 2000 Jahren den Schulbetrieb scharf kritisierte, haben wir gelernt: Nicht weil es schwierig ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwierig.

Schauen Sie sich einmal die folgende pdf-Präsentation an:

Wenn Sie Interesse an unserem Projekt haben, wenden Sie sich bitte an Herrn Martin Gantenbrinker (martin.gantenbrinker@googlemail.com) oder Herrn Timur Kisla (timur.kisla@web.de). Wir freuen uns über neue Verbündete!

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Mein Bericht vom APPROACH-Pilotkurs erschien am 5. März 2011:
In eigener Sache: Schulfach “Projektphilosophie”

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